„Win-Win“ ist nicht mehr selbstverständlich

Aktualisiert: 28.04.20264,1 min. Lesezeit

„Win-Win“ ist nicht mehr selbstverständlich

Schwieriger Außenhandelspartner China

Text: Claudia Wessling

 

Egal wohin man blickt – Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik: das deutsch-chinesische Verhältnis ist derzeit schwierig. Die Bundesregierung unter Friedrich Merz (CDU) sucht noch nach Wegen, mit einem Peking umzugehen, das selbstbewusst und durchaus konfrontativ seine Positionen vertritt und dabei auch wirtschaftliche Macht als Hebel nutzt. In den Wirtschaftsbeziehungen ist vom Mantra des „Win-win“ – beide Seiten gewinnen – derzeit wenig übrig angesichts eines wachsenden deutschen Handelsdefi zits und drohender Produktionsausfälle wegen chinesischer Exportkontrollen für seltene Erden, drohenden Lieferstopps bei Halbleiter- Chips sowie Druck auf europäische Märkte durch chinesische Überproduktion und billige E-Autos.

Als Außenminister Johann Wadephul (CDU) im Oktober nach China reisen wollte, hatte er eigentlich vor, all dies anzusprechen. Doch die chinesische Seite hatte für diese Themen keine Gesprächspartner für den Minister, Wadephul sagte ab. Ein solcher Vorgang ist in der deutsch-chinesischen Diplomatie der vergangenen Jahre außergewöhnlich, deutet er doch darauf hin, dass Peking bereit ist, im Umgang mit westlichen Partnern eine härtere Linie durchzuziehen. Die Annahme, angesichts des tiefgreifenden Konflikts mit den USA unter „Trump 2.0“ würde China eine Charme-Offensive Richtung Europa zünden, erfüllte sich nicht. China umwirbt stattdessen Regierungen und Märkte im sogenannten Globalen Süden.

Für die deutsche Wirtschaft ist das problematisch, denn sie ist weiter eng verknüpft mit China. Nach einer Prognose von Germany Trade and Invest könnten die Importe von dort 2025 den Wert der Exporte in die Volksrepublik um 87 Milliarden Euro übertreffen – das wäre das höchste Handelsdefizit seit 2022. Der Einbruch der Ausfuhren hat vielerlei Gründe, darunter Chinas wachsende Bevorzugung einheimischer Produkte und der Druck auf ausländische Firmen, vor Ort in der Volksrepublik zu produzieren.

Die Veränderungen in der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehung sind auch Folge der seit Jahren von der Führung in Peking forcierten Innovationspolitik: Mit Milliardeninvestitionen in industrielle Innovation und wissenschaftlichen Fortschritt will China den Schritt schaffen von der „Werkbank“ zum Hightech-Zentrum der Welt. Dass sie an diesem Kurs festhalten wird, hat die Führung um Xi Jinping erst kürzlich auf dem Vierten Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei klargestellt: Der Entwurf des Fünfjahrplans für die Jahre 2026 bis 2030 nennt den Aufbau eines „modernen Industriesystems” als Schlüsselziel.

China setzt damit seine Strategie fort, die mit Initiativen wie „Made in China 2025“ bereits 2015 Form annahm. Gefördert werden Zukunftsbereiche wie Luft- und Raumfahrt, Biotechnologie, Wasserstoff, neue Materialien und Quantenforschung, und auch die Modernisierung traditioneller Industrien wie Bergbau, Chemie und Maschinenbau. Nach Schätzungen Pekings soll die Modernisierung der Kernsektoren der verarbeitenden Industrie – wie Chemie, Maschinenbau und Schiffbau – einen Markt mit einem Volumen von umgerechnet etwa 1,2 Billionen Euro schaffen. Die auch von deutschen Unternehmen erhoffte Ankurbelung des Binnenkonsums oder den Kampf gegen Überkapazitäten und daraus resultierenden, zerstörerischen Wettbewerb will Peking zwar auch angehen, allerdings nicht prioritär.

Die Folgen der chinesischen Industrie- und Innovationspolitik bekommt vor allem auch Deutschland zu spüren, denn China dringt genau in die Sektoren vor, in denen deutsche Hidden Champions erfolgreich sind. Vor allem die Autoindustrie, Rückgrat der deutschen Wirtschaft, ist betroffen: mehr als 50.000 Jobs sind dort einer Studie der Beratung EY binnen eines Jahres verloren gegangen – auch wegen des wegbrechenden Marktes in und der wachsenden Konkurrenz aus China.

Wie geht es nun weiter mit den Beziehungen zum zweitgrößten Handelspartner – Volumen: 246,8 Milliarden Euro? In Chinas Innovationsstrategie haben deutsche Partner weiterhin einen Platz als Zulieferer von Hoch- oder Spezialtechnologie, die es selbst noch nicht herstellen kann, zum Beispiel in den Bereichen Optik, Industriechemikalien, Gasturbinen, Hochpräzisionstechnik. Doch die chinesischen Strategiedokumente belegen klar: Peking strebt auch hier danach, solche Produkte eines Tages in Eigenregie herzustellen. Beispiele wie der Solarsektor, in dem europäische Anbieter einst von staatlich subventionierter, chinesischer Billigproduktion vom Markt gefegt wurden, zeigen, dass China der Logik der westlichen Marktwirtschaft Grenzen setzt.

Deutsche Unternehmen – auch in Nordrhein-Westfalen – müssen deshalb Chinas Pläne genau ansehen und evaluieren, welche Vorteile sie selbst aus einer Zusammenarbeit noch ziehen können. Doch in Zeiten, in denen auch die Beziehungen zum größten Handelspartner USA durch die (Zoll-)Maßnahmen der Regierung Trump belastet sind, geht es nicht mehr nur darum, Risiken im Umgang mit China zu navigieren. Es geht um eine grundsätzlich neue Strategie für die deutsche Wirtschaft in einem historischen geopolitischen Umbruch. <

 

Claudia Wessling
Director Communications & Publications

MERICS gGmbH
Mercator Institute for China Studies
Alte Jakobstraße 85-86
10179 Berlin
M +49 171 834 77 04
claudia.wessling@merics.de
www.merics.org

 

 

Dieser Artikel ist auch im AHV NRW Magazin 2026 zu finden oder Sie können den Artikel hier als PDF herunterladen:

 

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